Konzertkritik Ray Wilson Dudweiler
Scala 23.Februar 2006
Das Scala in Dudweiler bei Saarbrücken ist ein altes Kino,das nach etlichen
Jahren jetzt als neue Kulturstätte wiedereröffnet wurde.Der Wunsch,hier
etwas von Format aufzubauen,bringt derzeit einige illustre Namen ins Saarland.
Der Auftritt des sympathischen ex-Genesis-Sängers Ray Wilson füllte die 260 Sitzplätze des altmodischen Auditoriums zwar nicht ganz,aber doch fast.Der Putz bröckelt noch von den Wänden,und geheizt wird derzeit mit Diesel (!) ,der aber teilweise zu Pudding gefroren war.So wurde es im Verlauf des Abends immer kälter.Aber Ray störte das wenig (Kommentar:"This is an interesting place.Very Rock´n´Roll!"),er heizte mit seiner Band genug ein,um die Leute warm zu halten.
Mit Irvin Duguid an den Keyboards und den Brüdern Lawrie
(bass) und Ashley (drums) Macmillan hat er die Art spontanen Rapport entwickelt,die
es ermöglicht,auf Setlists weitgehend zu verzichten und und das Programm
aus dem Bauch heraus zu gestalten.Die Jungs kennen ihr Repertoire und rufen
es nach Belieben ab.
Daß Ray dabei die Genesiskarte zuweilen ausreizt,kann man ihm schon deshalb
nicht wirklich übelnehmen,weil ihm diese Songs fabelhaft gelingen.In dieser
abgespeckten Version,meist nur mit Akkustikgitarre,Bass,Keys und Drums,gewinnen
viele sogar.
Land Of Confusion zum Beispiel läßt den kalten Technopop
des Originals hinter sich,und Mama hat eine bessere Dramaturgie,weil die Band
erst ab der Mitte einsteigt.
Einige bemängeln,daß die Songs zu offensichtlich ausgewählt
sind,aber selbst ausgelutschte Nummern wie That´s All klingen frisch und
unverbraucht.
Allerdings muß Ray Wilson seine eigenen Songs keineswegs verstecken,sie
würden den Abend auch alleine tragen.Das numerische Verhältnis wird
sich in den nächsten Jahren sicher ändern.
Zumal die Stiltskin Reunion unmittelbar bevorsteht.Das neue Album ist schon fertig aufgenommen und läuft vorm und nach dem Konzert.Klingt gut,und Ray ist der festen Überzeugung,daß es das Beste ist,was er je gemacht hat.
Die Publikumsreaktion ist natürlich am besten,wenn Songs
wie Entangled oder Ripples erklingen,oder Peter Gabriels Solsbury Hill.Auch
Games Without Frontiers wird frenetisch abgefeiert,wieder ein überzeugend
umgesetztes Beispiel dafür,wie man auch mit schlichten Arrangements die
Essenz eines Songs perfekt einfangen kann.
Mein persönliches Highlight war The Actor aus dem tollen Album The Next
Best Thing.Aber auch Change,Goodbye Baby Blue und sein grandioses Yesterday
(nicht das von Paul McCartney) aus seinem bisher besten Album Change überzeugen
voll und ganz.Fehlt mir persönlich nur Sometimes.Und The Lamb Lies Down
On Broadway hab ich vermißt.Aber egal...
Die heavy Version von I Can´t Dance im Zugabenteil rockt das Haus,genau
wie Turn It On Again.Da gibts endlich Stromgitarre zu hören,da stehen dann
endlich alle auf und man merkt,daß man in einem Rockkonzert ist.
Die eigentliche Stärke diese sympathischen Schotten ist
seine Bühnenpräsenz.Er wickelt das Publikum mit seiner unprätentiösen
Art um den Finger,und sein Humor ist knochentrocken.
Er ist ein begnadeter Geschichtenerzähler und hat die Art Mutterwitz,die
man nicht lernen kann.Aus karrierebedingter zeitweiliger Erfolglosigkeit macht
er dabei genausowenig einen Hehl wie aus der Verbitterung nach gescheiterten
Beziehungen oder dem Tod eines nahen Freundes.Er hat seinen Frieden mit alledem
gemacht und erfreut sich heute,mit 38,an dem,was er hat.
Und er zögert nicht,Stories aus dem Genesisnähkästchen einzustreuen.An diesem Abend gabs die sehr erbauliche Geschichte von Mike Rutherford mit Familie,im Turnvater-Jahn-Schwimmanzug und mit Gummientchen in einem Aufzug eines Hotels in LA auf dem Weg zum Swimmingpool.Die Tür geht ein Stockwerk zu früh auf.Davor steht Diana Ross,zwei muskelbepackte Kerle im Arm."Hi,Diana."-"Hi,Mike!".Aufzugstür zu,und jeder tut das,was er halt nachts um halb 3 so tut...herzhaftes Lachen allerseits geleitet uns zum gelungenen solo gespielten Shipwrecked,das einen atmosphärisch dichten und von Herzlichkeit geprägten Abend beschließt.Danach bleibt er noch im Foyer,"to sign some shit",klar.Auch hier plaudert er ungezwungen und natürlich.
Hier muß sich einer nicht verkaufen,er liebt und lebt
das,was er tut.Und er entwickelt sich noch dabei.Man darf gespannt sein,was
Ray Wilson in Zukunft noch alles auf die Beine stellt...
Interview mit Ray Wilson vom 23.Februar 2006,während
des Soundchecks vorm Konzert.
Aufgenommen im (kalten) Umkleideraum zwischen 17.00 Uhr und 17.45 Uhr.Im Gespräch
ist Ray Wilson genauso,wie er im Konzert rüberkommt.Nach Jahren,in denen
er vom Musikbusiness nicht gerade mit Samthandschuhen angefaßt worden
ist,aber auch plötzliche Erfolge und Höhenflüge erlebt hat,scheint
er mit sich und der Welt in Einklang zu sein.Er ist zurzeit permanent auf Tour.Die
Besetzung der Band wechselt dabei wohl öfters,von akkustisch gespielten
Soloauftritten bis zu Full Band Konzerten mischt sich alles,auch die Repertoires.Die
Reunion von Stiltskin steht bevor,das Album ist bereits fertig,aber die Business
Seite muß noch abgewickelt werden.Am Merchandisingstand verkauft er eine
nur hier erhältliche Live-CD,die seine Solo-Storyteller-Seite perfekt zeigt.Hier
spielt er heute mit einer 4-köpfigen Band.Freundlich,locker und ungezwungen
gibt mir Ray Wilson zu verstehen,daß er seine musikalische Freiheit und
das Leben jetzt so genießt,wie es ist...
F:Was denkst Du über die geplante Reunion des klassischen Line-Ups von
Genesis?
A:Ich denke,es wäre eine gute Idee,aber ich glaube nicht,daß es passieren
wird.
F:Es gab ja wohl keine wirklich häßlichen Splits...
A:Nein,jeder scheint jeden zu mögen...es ist wohl vor allem eine Frage
der Logistik.
F:Man könnte sich auch,sagen wir,Anthony Phillips auf der Bühne vorstellen.Warum
nicht The Knife spielen,oder Songs von Calling All Stations mit Dir als Gast...
A:Ich glaube nicht,daß sie es so machen würden.Es würde wohl
nur das beste Line Up mit mit Steve Hackett und Peter Gabriel zusammenkommen.
F:Ist es bei Dir auch ein freundschaftliches Verhältnis seit der Trennung?
A:Ja,obwohl ich sie zurzeit nicht viel sehe.
F:Hattet ihr schon Sachen für ein 2.Album aufgenommen?Einige der B-Seiten
der Singles haben mir sehr gefallen,vor allem Anything Now und Sign Your Life
Away...
A:Nein,die Songs,die es gibt,waren alle für das erste Album gedacht.Die
Single-B-Seiten waren eben etwas schwächer.Jeder hat mit abgestimmt,es
war sehr demokratisch.
F:Gab es jemals den Gedanken,daß Du bei Mike And The Mechanics mitmachen
könntest?
A:Nein,obwohl es in mancher Hinsicht Sinn machen würde...würde ich
nicht machen wollen...Paul Carrack ist alleine auch gut genug.
F:Stiltskin bringen ein neues Album raus.Es heißt She.Wie weit sind die
Aufnahmen?Die Fans diskutieren die Songs schon im Internet...
A:Wir spielen es vor und nach den Shows .Du hörst es gerade im Moment...
F:Spielt ihr was aus der Platte heute abend?
A:Nur einen Song,Yellow Lemon Sun,in einer Akkustikversion.
F:Die Single.Wann kommt sie raus?
A:Ich weiß noch nicht,wann irgendwas rauskommt.Geplant ist der Herbst,aber
es hängt davon ab,bei wem ich einen Vertrag bekomme.Es gibt Interesse von
Warner Brothers,und einem nordamerikanischen Label,eines in Japan,dessen Name
ich immer vergesse...es ist noch zu früh,da gibt es noch Meetings zu absolvieren...
(es folgt eine kurze Vorstellung des Made Again Magazins,das Ray mit Interesse
durchblättert und zum Lesen behalten möchte)
F:Im Augenblick kann man zwischen 3 Ray Wilsons wählen:der Singer-Songwriter,der
Independent Rocker und der Progrocker.Beschreibt das den musikalischen Rahmen,in
dem Du Dich bewegen möchtest?
A:Ja.Es war keine bewußte Wahl,es ist einfach so passiert...
F:Gibts noch mehr Möglichkeiten?Jazz?
A:Oh,Swing Your Bag (von Guaranteed Pure) war nur ein Gag.Im Augenblick freue
ich mich auf das Stiltskin Ding.Ich denke,es ist das Beste,was ich je gemacht
habe.
F:Und in diese Richtung gehts dann weiter?Keine Plattenfirma im Genick,die Dir
vorschreibt,wie Du klingen sollst?Mach noch ein Change oder so...
A:Nein,ich mache was ich will und wann ich will.Solang die Leute kommen und
es annehmen-fein...man muß sich nicht in eine Schublade stecken lassen.Viele
Leute denken in Genres,ich versteh das vom Marketingstandpunkt aus,aber musikalisch
und als Künstler mach ich,was ich will...und ich finanziere das auch selbst.Ich
hab die Stiltskinplatte finanziert,einen Haufen Geld reingesteckt und jetzt
will ich sehn,wie die Tour läuft und sich das Album verkauft,und dann seh
ich weiter,was ich als nächstes tun werde...
F:Viele Leute hier mögen RPWL und den Song Roses sehr.Seid ihr noch in
Kontakt?
A:Ich sollte noch einen Auftritt mit ihnen machen,aber ich hatte andere Termine.Ich
mag sie...gute Jungs.
F:Wird es heute auch wieder Stories zu hören geben?
A:Nicht so viele.Ich möchte heute mehr Songs spielen.Die Atmosphäre
könnte sehr magisch werden in diesem Theater...
F:Ich hab eine Setlist bekommen.Stimmt die?
A:Ich folge keiner Setlist.Wir machen alles spontan auf der Bühne im Verlauf
des Konzerts...
F:Arbeitet Irvin Duguid noch mit Fish?
A:Nein,er ist jetzt in Stiltskin.Im Augenblick spielt er auf allem,was ich mache.Ich
arbeite gern mit ihm.Es ist schwierig,das richtige Team zusammenzubekommen,so
daß die Chemie stimmt.Meine Frau verkauft Merchandise,zum Beispiel.
F:Kommt zurzeit also alles zusammen?
A:Ja,die Shows sind großenteils ausverkauft,die Chemie in der Band stimmt,zum
ersten Mal seit längerer Zeit läufts einfach.
F:Der Name Stiltskin war ja erstmal negativ bestzt.Denkst Du manchmal,daß
Du die ganze Castingwelle mitverursacht hast?
A:Die Band wurde damals nicht als cool betrachtet.Aber mal ehrlich:es ist schön,wenn
du eine Band mit Leuten hast,die schon in der Schule zusammen waren.So wie U2.Aber
bei manchen Leuten läuft das halt nicht so.Also baust du dir eine Band
mit Leuten,die einen ähnlichen Geschmack haben.Das hab ich mit Stiltskin
gemacht,und weil das nach der Levis-Werbung passierte,dachte jeder,das sei eine
konstruierte Sache.
F:Gecastete Bands gabs immer.Nur wurde früher ein Geheimnis draus gemacht,und
heute macht man eine Show draus.
A:Bei Stiltskin ging und geht es vor allem darum,daß es eine Ansammlung
guter Songs zum Aufnehmen gab.Eigentlich kümmerts mich nicht,wie die Band
heißt.
F:Dein Bruder Steve (nicht der von Porcupine Tree) hat eine eigene Website.Gibts
CDs von ihm?
A:Er hat ein paar Sachen geschrieben,auch auf meinen Alben.Aber er hat noch
andere Interessen.Ich bin ohne Musik nichts.Ich habe keine anderen Interessen.
F:Nach Deiner Trennung von Genesis dachte ich:"Ist er jetzt verbittert?".Ein
Album "The Next Best Thing" zu nennen,könnte einen schon an so
was denken lassen.Und dann die Texte...
A:Nicht verbittert,eher enttäuscht.Der Titel nichts mit Genesis zu tun,in
keinster Weise.Sie sind feine Kerle.Es ist nur schottischer Sarkasmus.Ich mochte
einfach den Titel.
F:Mir hat besonders die Trompete auf dem Titelsong gefallen.
A:Das war eigentlich ein Song mit Text.Ich hab ihn wieder rausgenommen.Hat mich
an einen Bowiesong namens "I Feel Love" erinnert (singt)...kennst
Du ihn?
F:Ähm,nicht wirklich...
A:Bowie spielt die Trompete selbst...
F:Ok,Ray,vielen Dank...
© Hans Jörg Zimmer
Ray Wilson Discographie (Auszug)
2006 Stiltskin She (Herbst)
2006 An Audience And Ray Wilson
2005 Live
2004 The Next Best Thing
2003 Change
2001 Live + Acoustic
1999 Cut Millionairhead
1997 Genesis Calling All Stations
1994 Stiltskin The Minds Eye
1993 Guaranteed Pure Swing Your Bag
Setlist Scala Dudweiler,23.Februar 2006
01 Change
02 Not About Us
03 In The Air Tonight
04 Goodbye Baby Blue
05 Carpet Crawl
06 Sarah
07 Another Cup Of Coffee
08 Another Day
09 Follow You Follow Me
10 Yesterday (Ray Wilson)
-
short break
-
11 Land Of Confusion
12 Solsbury Hill
13 Lemon Yellow Sun
14 Ripples
15 Alone
16 Cry If You Want To
17 Games Without Frontiers
18 That´s All
19 The Actor
20 Entangled
21 Mama
-Zugabe 1
22 Sunshine + Butterflies
23 Inside
24 I Can´t Dance
25 Turn It On Again
-Zugabe 2
26 Shipwrecked