Bergisches Land
Artikel vom: 21.03.2005
Ex-Genesis-Sänger Ray Wilson begeisterte in der Klosterkirche
Von Daniel Juhr
Remscheid. "Sssssooo, guten Abend!" Bevor seine Stimme für Gänsehautschübe sorgt, fällt sein verschmitztes Lächeln auf. Es ist das eines unbeschwerten kleinen Jungen, der nicht erwachsen werden möchte. Der einfach macht, was er will. Und Ray Wilson macht einfach, was er will.
Der Mann, der dank einer coolen Levis-Reklame zuerst mit seiner Band "Stiltskin" einen Sensationserfolg landete. Der dann, Ende der 90er-Jahre, als letzter "Genesis"-Sänger die Weltbühne betrat, bevor für Genesis der letzte Vorhang fiel. Nun steht er am Freitagabend auf der Bühne der Lenneper Klosterkirche. Ein paar hundert Leute haben zu ihm gefunden - alles etwas kleiner, etwas bescheidener, aber irgendwie genau richtig. Wilson spielt live. Singt eigene Songs, Genesis-Klassiker und andere Perlen der Rockmusik. Songs, die bunte Bilder hervorrufen, die Erinnerungen wecken. Begleitet wird er nur von Keyboard und zwei Gitarren, die eine spielt er, die andere sein Bruder. Ein musikalischer Minimalismus, der alles ist. Mit "No son of mine" versorgt er gleich zu Beginn die vielen Genesis-Fans im Publikum. Die sind begeistert, johlen schon beim ersten Applaus - nicht gerade üblich fürs Bergische. Und Ray Wilson, der Schotte, dessen Rockstimme kein Whiskey dieser Welt so hinkriegt, weil sie ihm in die Wiege gelegt ist, scheint sich pudelwohl zu fühlen. Smart, witzig, ohne jede Allüren, dafür immer mit einer kleinen Geschichte auf Lager - auch zum gebrochenen Fuß seines Bruders, der sitzend Gitarre spielen muss: "Er hat für Bayern Fußball gespielt", grinst Wilson.
Ray Wilson, der Geschichtenerzähler. Auch seine eigenen Songs sind Geschichten, die meisten voller Melancholie, wie die Ballade "Cry if you want to", die auf eine gescheiterte Beziehung anspielt. "Ich hätte mich auch verlassen", kommentiert er lakonisch. Er findet seine Nische zwischen dem Neuem, dem Eigenem und den vielen Stücken, die einfach jeder kennt. Ein brillanter Balanceakt voller Intensität und tiefem Gefühl für den Augenblick, dominiert von einer Stimme, die Schauer über den Rücken jagt. Weit über zweieinhalb Stunden spannt Ray Wilson an diesem Abend ein unsichtbares Band zu seinem Publikum, denn das liebt diese Songs ebenso wie er. "I can feel it coming in the air tonight", zitiert er in einem der vielen unvergesslichen Momente dieses Abends Phil Collins. Und die Zuschauer sind beim Refrain bei ihm: "Oh, Lord, oh, Lord". Der Junge mit dem verschmitzten Lächeln. Groß. Ganz groß